Vera Röhm

Ergänzung Quadrat, Ulmenholz/Plexiglas, 1996
Ergänzung, Ulmenholz / Plexiglas, Stahlsockel, 2002

Aspekte eines Gesamtkunstwerks – Vera Röhm richtet sich ein in Raum und Zeit

Zu internationaler Beachtung führten ab 1975 die Werke der Ergänzungen. In einer Ergänzung vereinigen sich Gegensätze, die sich als Folge bisheriger Erfahrung darstellen: Erfahrungen mit der Technik, um zwei absolut konträre Materialien – Holz und Plexiglas, organischer Stoff und Kunststoff – dicht miteinander, in des Wortes konkreter Bedeutung zur Ergänzung zu verbinden. Der Wille des Unternehmens ist die ästhetische Gestaltung. Das abgebrochene Holzteil – zur Regel geworden sind Vierkantbalken – wird ergänzt bzw. fortgesetzt durch ein aufgegossenes Stück Plexiglas gleichen Querschnitts, aber je nach Gesamtgestalt von ungleicher Länge. Als besonders attraktiv erweisen sich Winkelformen, deren Winkel, Scharnieren gleich, aus Plexiglas bestehen und damit genau der bedeutenden Stelle Transparenz verleihen.

Vera Röhm hat es jedoch nicht bei der Konstruktion einzelner, oft komplizierter Ergänzungen belassen. Ihrem natürlichen Hang zur räumlichen Größenordung folgend hat sie Reihungen von Ergänzungen oder Feldstrukturen von bis zu 81 Einheiten realisiert. Der Magie einer Ergänzung, die durch das immer wieder überraschende transparente Teil der Verbindung gegeben ist, kann der Betrachter kaum entraten. Eine Feldstruktur, in welcher die transparenten Oberteile sich mit dem natürlichen Licht verbinden, ist ein ungewöhnliches Erlebnis – tatsächlich wird jetzt bereits aus einem großen Flächenquadrat von Ergänzungen die Vorwegnahme eines späteren Glaslabyrinths. So reifen neue Projekte aus erstmaligen Erfindungen. Es mag einmal naheliegend gewesen sein, die Ergänzungen wegen ihrer einfachen Formen ungeachtet der Zusammensetzung aus zwei Teilen als Formen der Minimal Art zu sehen. In der Tat waren
bereits die einfachen Holzverbindungen, die einmal zum Bau von Schiffsmasten dienten, also eine funktionale Bedeutung hatten, als Zeugen der Minimal Art betrachtet worden. Dass es sich bei einem eventuellen Vergleich mit den Ergänzungen von Vera Röhm nur um die oberflächliche Ähnlichkeit einer einfachen, strengen Ästhetik gehandelt haben musste, ist offensichtlich. Minimal Art war das ABC einer Universalsprache. In großen Gebilden wirkte sie oft monumental und erhielt einen „archaischen oder prähistorischen Aspekt“ (Tony Smith). Bei Verbindungen von Minimal Art und Land Art könnte selbstverständlich Verwandtschaft mit den Ergänzungen entstehen, vor allem, wenn das Glaslabyrinth ins Auge gefasst wird. In einem waren die Ergänzungen jedoch nicht mit Land-Art-Objekten oder Minimal-Art-Objekten vergleichbar. Sie waren keine fortsetzbaren Primärstrukturen wie sie zum Beispiel für Donald Judd typisch waren. Vera Röhms Ergänzungen sind Einzelfälle, das heißt Stück um Stück Unikate mit unterschiedlicher Binnenstruktur und Wahrnehmungsvielfalt.

Textauszug: Eugen Gomringer: Aspekte eines Gesamtkunstwerks – Vera Röhm richtet sich ein in Raum und Zeit in: Vera Röhm, Stephen Bann, Eugen Gomringer (ed.), Reaktion Books, London 2006

Vera Röhm, *1943
Homepage: www.veraroehm.com